Das Allvadder-Haus
Aus Oedland
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Der Ursprung
Die Kunde einer Stadt, in der man frei und ohne Knute leben könnte, verbreitete sich nach Freystadts Gründung schnell in der restlichen Welt. Schon bald war der damals noch kleine Hafen überfüllt von Schiffen, die Frauen und Männer aus fernen Ländern mit sich brachten. Viele der Neuankömmlinge verließen ihre einstige Heimat, weil ihnen dort versagt war, ihren Glauben auszuüben. So fand sich bald an jeder Ecke ein Prediger, der seinen Herrgott besang, der Geruch von rituell verbranntem Kraut kroch durch die verwinkelten Straßen und manch ahnungsloser Bürger rutschte auf dem Blut der letzten nächtlichen Opferung aus. Hinzu kam, dass viele der Gläubigen den Streit ihrer Gemeinschaften mit in die Stadt trugen und handfeste Keilereien waren bald keine Seltenheit mehr. Als es zu den ersten Todesfällen kam, konnte der Rat nicht länger die Augen vor den Vorgängen auf den Straßen verschließen.
Es musste etwas getan werden, eine Änderung musste her, ein Gebot. Aber wie sollte das aussehen? Es war unmöglich mit den Lehren Jubals vereinbar, den Menschen die Freiheit zu nehmen, ihrem Gott zu huldigen – zumindest solange sie dabei nicht die Freiheit eines anderen beschnitten. Allerdings schienen die Strafen, die ohnehin drohten, wenn man einem anderen Gewalt antat, kaum auszureichen, um das Volk zu besänftigen.
Es war zu dieser Zeit, als ein gewitzter Geschäftsmann vor den Rat trat. Sein Name war Johan Paul Allvadder. Er besaß einige Lagerhallen im Hafenviertel und verdiente sein Geld damit, diese an hiesige und reisende Kaufmänner zu vermieten. Er nahm seine Mütze vom Kopf, kratzte sich kurz an der Nase und sprach: „Werter Rat, ich habe die Lösung für Euer Problem. Und wenn ihr in das Geschäft einschlagt, das ich Euch anbiete, so wird es uns allen besser gehen: Euch, der Stadt und mir selbst!“ Überrascht von der forschen Rede des Mannes hörte der Rat aufmerksam, was er anzubieten hatte. Sein Vorschlag war, jedwede Ausübung von religiösen Handlungen, die über ein einfaches Stoßgebet hinaus gingen, auf offener Straße zu verbieten und auf eigens dafür vorgesehene Hallen einzuschränken. Großmütig bot er an, seine eigenen Hallen dafür herzurichten. Er wollte sie in zahlreiche Nischen unterteilen, in denen sich die Gläubigen und ihre Götter häuslich einrichten könnten. Lediglich ein geringes Handgeld würde er von den Gläubigen verlangen, kaum genug, um seine eigenen Kosten zu decken. Die Stadt habe über den Zehnt, den er abführe, selbstverständlich Anteil an dem Verdienst und das Problem sei von der Straße. Er könne schon für Ruhe und Frieden in seinen Hallen sorgen – dafür sei er ohnehin bekannt.
Die Tempelwache
Wenig später liefen Ausrufer durch die Straßen, die die Neuerung verkündeten. Anfangs murrte das Volk, doch es fügte sich widerwillig dem neuen Gebot und nach einigen Jahren war schon beinahe vergessen, dass es jemals anders war. Lediglich die Gemeinschaften, die nicht das nötige Kleingeld besaßen, um sich in die Allvadder-Hallen einzumieten, wünschten sich die alten Zeiten zurück und waren gezwungen, ihre Messen im Verborgenen abzuhalten.
Um für Frieden in seinen Hallen zu sorgen – und auch, um die Miete für die Nischen einzutreiben – unterhielt der alte Allvadder einige klobige Schläger, die heutzutage bei Engpässen auch gerne mal aus den Gefängnissen rekrutiert werden. Das Volk fing bald an, sie die „Tempelwache“ oder kurz die „Templer“ zu nennen und diese Begriffe haben sich über die Zeit erhalten und bilden heute eine offizielle Berufsbezeichnung im Oedland.
Das Amt für Gottfindung
Gerade als die ganze Angelegenheit zur Ruhe gekommen war, das Volk hatte sich an die Allvadder-Hallen gewöhnt und es herrschte wieder Frieden auf den Straßen – mal abgesehen vom üblichen Gerangel - kam ein neues Problem auf. Obwohl Johanna Allvadder, die älteste Tochter des inzwischen verstorbenen Johan Pauls, zahlreiche Hallen hinzugekauft und ausgebaut hatte, wurde allmählich der Platz rar. Einerseits verfügten einige Gemeinschaften über genügend Anhänger und Gold, um sich über mehrere Nischen auszubreiten oder gleich eine gesamte Halle anzumieten, aber der Hauptgrund für diese Entwicklung war ein anderer. Unter den Sprösslingen reicher Familien hatte sich ein abstruser Wettkampf darum entwickelt, wer sich die absurdesten Glaubensgrundsätze ausdenken und sich damit eine Nische in den Allvadder-Hallen mieten konnte. Bald waren die Hallen voll von spöttischen Bildern und Götzen und verzogene Halbstarke hielten Messen, die sich gegenseitig an Obszönität zu übertreffen versuchten. Zahlreiche Glaubensgemeinschaften fühlten sich beleidigt von dem Verhalten der Jünglinge und bald kam es zu neuen Ausschreitungen, denen die Tempelwache kaum Herr zu werden vermochte.
Das Allvadder-Unternehmen bat den Rat um Hilfe, dieser reagierte schnell und richtete das „Amt für Gottfindung“ ein. Dieses Amt war mit der wichtigen Aufgabe betraut, Religionen zu prüfen und gegebenenfalls – falls die Prüfungen bestanden sind – zu lizensieren. Eine solche Lizenz war fortan nötig, um sich in die Allvadder-Hallen einzumieten und damit auch, um seinen Glauben schlechthin auszuüben – sieht man einmal von Tischgebeten und in den eigenen Bart gemurmelten Bitten ab. Der Vorgang der Gottfindung ist ein mühseliger und von Bürokratie geprägt – Gold natürlich macht einiges einfacher und schneller.
Gerüchten zufolge gibt es innerhalb des Amtes eine eigene Abteilung, deren Beamte sich in die Gemeinschaften einschleichen, um die Aussagen der Gläubigen zu überprüfen und den Glauben gewissermaßen am eigenen Leibe auszuprobieren. Bewiesen ist nichts, aber zumindest behauptete dies Gernot Mausewitz, ein ehemaliger Mitarbeiter des Amtes, der im Irrenhaus unter ungeklärten Umständen verstarb. Nicht verwunderlich, dass solch eine Geschichte schnell beim Volk ihre Kreise zieht.
Das Allvadder-Haus heute
Heute ist das Allvadder-Haus ein großes Unternehmen, das nach wie vor von Nachkommen von Johan Paul Allvadder geführt wird. In beinahe jeder größeren Stadt des Oedlandes finden sich Einrichtungen und in zahlreichen Dörfern gibt es ebenfalls kleinere Hallen. Das Prinzip findet große Unterstützung in den Reihen des Ordens der Jubalischen, einzig einige Reformer machen sich stark für eine Abschaffung der Allvadder-Häuser und einen freieren Umgang mit den Gläubigen. Einzelne Mitglieder der Inquisition des Ordens allerdings geraten immer wieder in Konflikt mit dem „Amt für Gottfindung“. Denn obgleich sich der Zuständigkeitsbereich beider Einrichtungen zum Teil überschneidet, scheint man uneins zu sein, wie das rechte Vorgehen aussehe.
In Freystadt finden sich Hallen, Kathedralen und kleine Kapellen über die gesamte Stadt verteilt. Vor allem in den Stadtteilen „Hafen“ und „Kaserne“ gibt es ausgeweitete Anlagen – scheinbar ist dort der Bedarf an göttlichem Beistand besonders hoch. Nachdem die Allvadder-Einrichtungen inzwischen einen beachtlichen Teil des Stadtbildes abgeben, berät man angeblich im Rat darüber, die Stadtmauern zu erweitern und einen eigenen Bereich für die Hallen einzurichten. Da es sich dabei allerdings um einen strittigen Punkt handelt, dürfte mit einer Entscheidung nicht allzu bald zu rechnen sein.
In Neu-Freystadt ist nach den Wirren des vergangenen Jahres nun auch ein Allvadder-Außenpunkt eingerichtet worden, der das dortige religiöse Treiben etwas regeln soll.
Die Hallen sind heute mehr denn je geprägt vom bunten Treiben. In zahlreichen Nischen gehen die Gläubigen ihrem Werk nach, die Luft steht dick unter den Decken, die Gerüche sind intensiv und kaum zuzuordnen, die Ohren wackeln von Tier- und Menschenschreien, auf dem Boden vermischen sich zahlreiche Flüssigkeiten, über deren Herkunft man kaum etwas sagen mag.
Für den einen die Romantik einer freien Welt, für den anderen ein schlafendes Pulverfass.