Landsein
Aus Oedland
Landsein ist eine karge Steinsteppe, in der wenig wächst und noch weniger lebt. Die meisten Menschen, die man dort trifft, sind Einzelgänger – sie nennen sich selber „Masra“. Ihren Tag verbringen sie damit, nach Wurzeln zu suchen oder Eidechsen zu fangen, um sich nicht mit leerem Magen schlafen legen zu müssen. Als reichte dies nicht bereits, um das Leben in Landsein armselig und wenig wünschenswert zu machen, haben die Menschen in den Krasten gnadenlose Gegner im Kampf ums Überleben. Ein Krast ist ein großer Affe, nicht so groß wie ein ausgewachsener Mann, aber größer als eine Ziege. Sie tragen am ganzen Leibe dichtes Fell, das ihnen gar über die Augen fällt, einzig ihr Hinterteil ist blank und von leuchtender Farbe. Sie bewohnen ebenfalls die Steppe von Landsein und da sie große Tiere sind, fressen sie auch viel. Normalerweise sind auch sie Einzelgänger, finden sie allerdings längere Zeit keine Nahrung, so tun sie sich zu kleinen Meuten zusammen und machen Jagd auf größere Tiere wie Ziegen oder sogar Menschen. Und ist ein einzelner Krast schon ein Gegner, den man nicht unterschätzen sollte, so ist eine Meute von ihnen ein guter Grund für ein ausgiebiges Stoßgebet zur bevorzugten Gottheit. Den meisten Oedländern, vor allem jenen, die bereits das gleißende Freystadt besuchen durften, wird kaum verständlich sein, was einen Menschen an einen solchen Orte halten mag. Es kommt jedoch nur ausgesprochen selten vor, dass ein Landseiner seine Heimat verlässt und in die Ferne zieht. Fragt man sie, was sie in ihrer Heimat hält, so hört man stets dieselbe Geschichte:
Der Fall von Masrur
"Das Volk von Landsein ist ein altes Volk und wie die meisten anderen Völker auch, blieben sie nicht stehen im Fluss der Zeit, sondern gingen mit stetem Schritt voran. So kam die Zeit, da sie nicht länger durch die Einöde wanderten, sondern Häuser bauten. Erst solche aus Holz und später solche aus Stein und zuletzt gründeten sie mitten im Herzen der Steppe eine Stadt. Diese Stadt - "Masrur" soll ihr Name gewesen sein - wuchs und wuchs und bald gab es keinen Landseiner mehr, der nicht in der Stadt lebte und weiterhin durch die Steppe zog. Das Leben dort war ein gemütliches, gemessen an dem der Wanderschaft. Es gelang den Menschen einige Hektar Land urbar zu machen und sie züchteten zähe Ziegen und Schweine, die zufrieden waren mit dem trockenen Gras, das zwischen den Steinen wuchs. Einige Jahre also lebten die Masra in der Stadt, der sie ihren Namen verdanken, und die harte Haut wich von ihren Händen und Füßen. Sie lebten ihren Tag und ergingen sich in kleinen Streitigkeiten, wie es immer ist, wenn mehr als zwei Menschen zusammen kommen. Die Zeit der Bequemlichkeit sollte jedoch nicht lange währen. Bald verschwanden über Nacht Ziegen und Schweine, zuletzt gar ein Kind. Krasten durchstreiften die Stadt, scheuten bald auch nicht mehr den Tag, und während die Bewohner sie durch die Straßen hetzten und töteten, wo sie ihrer habhaft wurden, schienen mehr und mehr nachzukommen. In ihrer Verzweiflung versteckten sich die Menschen in ihren Häusern und verrammelten Fenster und Türen. Ihre Priester jedoch gingen auf die Straßen und geboten den Masra es ihnen gleich zu tun. Ihr Gott nämlich war ein strenger Gott. Sie nannten ihn Krâs und fragte man, wie er anzuschauen sei, so erhielt man stets die Antwort, er habe die Gestalt eines Affen, mit einem haarigen Gesicht, langen und krummen Zähnen und einem blanken Hinterteil. Er mochte nicht die Bequemlichkeit und auch nicht die Geselligkeit. So sagten die Priester, die Menschen seien bei Krâs in Ungnade gefallen, weil sie sich niedergelassen hatten und dekadent geworden seien. Bequem und schwach seien sie seit sie nicht mehr täglich den Überlebenskampf bestritten. Die Krasten seien die Boten und die Strafe Gottes und es gebe nur eine Möglichkeit, das Unheil abzuwenden: Der Stadt müsse man den Rücken kehren, die Ziegen und Schweine den Krasten lassen und alleine in die Steppe ziehen. So ließen die Masra alles zurück, was sie errichtet hatten und gingen in die Einöde, auf dass ihnen Krâs eines Tages verzeihen möge. Und auch heute wandern sie noch. Die Krasten – so glauben sie – sind als Prüfung und Wächter ihres strengen Gottes geblieben. So dürfen die Masra die Affen nicht angreifen und sich lediglich ihres Leibes erwehren, wenn die Krasten sie jagen. Getötet werden sie nur an wenigen besonderen Tagen im Jahr bei großen Ritualen. Zu diesen seltenen Gelegenheiten kommen einige Masra einer Gegend zusammen und erinnern sich gemeinsam des Tages als sie in die Steppe zogen. Des Nachts wärmen sich Mann und Frau aneinander und sorgen für den Fortbestand ihres Volkes.
Wieviel an dieser Legende wahr ist? Ich habe keinen Schimmer, aber eines weiß ich wohl: die Gerüchte, dass irgendwo in Landsein die schöne Stadt Masrur schlummert, wollen nicht abbrechen. Von einem Moment auf den anderen verlassen beherbergt sie noch alle Habseligkeiten und Schätze, die ihre Bewohner ansammeln konnten. Und immer wieder ziehen Abenteurer in die steinige Steppe, laufen sich Löcher in die Sohlen und kommen nie wieder." (aus "Die Gespräche von Columba der Wanderin", niedergeschrieben von Chritophans dem Scheinbaren)
Die Ziegenmenschen
"Die Masra sind jedoch nicht das einzige Volk, das sich in Landsein niedergelassen hat. Es gibt da noch die Ziegenmenschen; und diese sind gänzlich anders als die Masra. Angeblich stammen sie aus der Zeit, als die Balambar durch Landsein zogen und bei ihren Überfällen die Frauen der Masra nicht verschonten. Weil es in Landsein nicht viel gab, zogen die Balambar bald weiter, jedoch kann man ihre Spuren – wie es scheint – noch heute dort finden. Die Ziegenmenschen ziehen in kleinen Sippen durch die Steppe und führen Herden aus großen, zähen Ziegen mit sich. Mit dünnen Ästen aus Buschwerk und einer Menge Geschick bauen sie extrem leichte Wagen, auf denen sie ihre Zelte errichten. Vor diese Wagen spannen sie einen Teil ihrer Herde und durchqueren so das Land. Schnell kommen sie dabei nicht voran, da die Ziegen bockig sind und oft nicht einig, in welche Richtung sie wollen, aber die Ziegenmenschen sind geduldig, kauen auf einem Grashalm und ziehen einmal mehr feste an den Zügeln. Sie dringen nicht tief in die Steppe ein, da sie mit den Dörfern an der Grenze Handel treiben und ihnen Ziegenmilch und -fleisch verkaufen. Außerdem suchen sie den Masra aus dem Weg zu gehen, da diese die Ziegenmenschen abschlachten, wo sie nur können. Dass sie mit ihren Behausungen durch das Land reisen und sich dabei von Ziegen ziehen lassen, sehen die Masra als Verspottung ihres Gottes Krâs und des Untergangs der Stadt Masrur.
Du siehst also, mein Freund, sei froh, dass es Dich gleich nach Freystadt und nicht nach Landsein. Dort gibt es wenig zu finden, außer Steine, Ziegen und schweigsamen Eremiten. Was? Ich soll Dir mehr von Masrur erzählen? Nun, gut, schenk' mir ein und ich erzähle Dir, was ich noch über Masrur weiß." (aus "Die Gespräche von Columba der Wanderin", niedergeschrieben von Chritophans dem Scheinbaren)
Die Dame Columba war fraglos eine gelehrte und vielgereiste Frau, fragt man die Ziegenmenschen allerdings selber nach ihrer Geschichte, so stellt sich alles etwas anders dar:
Das Volk der Pan'Mar
"Einst war das Volk der Pan stolz und reich. Ihr Reichtum war die Ziege und so zogen sie mit ihren Ziegenherden durch Landsein, als Landsein noch fruchtbar war. Denn dies war nicht immer ein karges Land, doch diese Geschichte erzähle ich zu einer andern Zeit. Die Sippen der Pan wurden geführt durch die Frau, denn bei ihnen galt die Fruchtbarkeit viel. Eine Frau konnte mehr als nur einen Mann an ihrer Seite haben, sodass die Sippe stetig wachsen konnte. Die Frauen kennen den Weg zum Himmel und im Himmel lebt die Pandra. Sie ist das Schöne, sie ist die Herrliche. Ihr Gemahl ist die Sonne, ist der Mond und die Erde. Ihre Kinder waren die Pan. Doch der Schrecken kam beritten über sie. Die Balambar waren wohl auf der Suche nach Beute. Ihr Heerführer hieß Tal`Shalar. Ein o-beiniger alter Balambar. Nicht seine Schönheit wurde gepriesen, doch vermochte er noch immer mit dem Shan umzugehen wie kein anderer. Er hörte auf seinen Reisen von den Frauen der Pan, denn die Pan hatten die schönsten Frauen, gleich der Pandra. Tal`shalar benötigte Frauen, da sein Volk immer kleiner wurde. Denn auf fünf Männer der Blamabar kam nur eine Frau. Er fing die schöne Zar. Sie stand der größten Sippe der Pan vor. Sie hatte unzählige Männer, war stolz und ein Ebenbild der Pandra. Das Herz von Tal`shalar war ergriffen. So machte er die Männer der Zar nieder, riss sie aus ihrer Sippe und nahm sie mit Gewalt. Doch ihr Herz konnte er nicht erobern und er hasste sie dafür. Sie sprach zu ihm, dass die Männer der Pan wahrlich mehr Mann seien als jeder Balambar. So machte Tal`Shalar Jagd auf die Männer der Sippen der Pan. Er wurde zu ihrem Schrecken und die Männer der Pan flüchteten ins Hohenkam. Nie wieder sah man sie. Zar gebar dem Tal`Shalar einen Jungen. Er wuchs heran und erschlug seinen greisen Vater. Sein Name war Mar`Mon. Die Pandra zeigte sich ihm und er war voller Liebe zur ihr. So versprach er ihr, dass sein Volk den Pan helfen würde. Er wählte die stärksten seiner Leibwache aus, so dass die Frauen der Pan und die Männer des Mar`Mon das Volk der Pan`Mar gründeten. So ziehen wir mit unseren Wagen durch die Steppe und verehren die Pandra und ihren Mann Mar`Mon. Die Männer üben sich im Zweikampf. Unentwegt streiten sie gegeneinander, um die Gunst der Frauen zu erlangen. Die Ziegen und die Frauen sind der Reichtum der Pan`Mar." (aus dem Munde eines alten, zahnlosen Ziegenmenschen)
Dass Landsein je fruchtbar gewesen sein soll, darf bezweifelt werden. Vielmehr ist dies ein kritischer Streitpunkt zwischen Geschichtsschreibern, Weltenkundlern und den Völkern Landseins. Auch von dem einstigen Glanz und der Schönheit der Pan'Mar ist in Wahrheit nicht mehr viel geblieben. Sie sind dürr, mit eingefallenen Wangen ebenso wie ihre Ziegen. Grobe Kleider aus fleckig-brauner Wolle bedecken ihren Leib. Von Fremden werden sie nur abfällig "Ziegenmenschen" genannt. Doch die Pan'Mar haben nie vergessen, dass sie einst ein stolzes Volk waren, das die schönsten Frauen Oedlandes hervorbrachte und mit bunten, geschmückten Wagen durch das Land zogen. Neben den Frauen und ihren Ziegen sind die Geschichten des alten Glanzes das höchste Gut der Pan'Mar, denn wenn sie nicht vergessen, woher sie kamen, werden sie eines Tages auch zurückkehren können.